Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung



Re: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Beitragvon Schwejk Josef » Fr 31. Okt 2014, 11:52

Harald Martenstein: Über das zwiespältige Image der Deutschen

Im Sommer 2013 wurde eine europaweite Umfrage zum Image der europäischen Völker veröffentlicht. In jedem größeren Land wurden die Leute gefragt, was sie von anderen Ländern halten. Deutschland hat schlecht abgeschnitten. In der Welt stand: "Europas Bürger bewerten Deutschland als arrogant, unsensibel, egoistisch. Wir müssen es aushalten, nicht gemocht zu werden."

Am allerschlechtesten sind wir angeblich, was Sensibilität betrifft. Egal, wen man fragt, Franzosen, Spanier, Briten, alle sagen mehrheitlich das Gleiche: "Die Deutschen sind am wenigsten mitfühlend." Interessanterweise sagen aber auch alle den Satz: "Die Deutschen sind am vertrauenswürdigsten." Wohin man schaut, wir sind Nummer eins in der Hitparade der Vertrauenswürdigkeit
.

http://www.zeit.de/zeit-magazin/2014/42 ... d-arroganz

Re: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Beitragvon Schwejk Josef » Fr 14. Nov 2014, 11:10

Schrauben sind unpolitisch - Harald Martenstein: Über Ehrlichkeit in der Politik

Helmut Kohls Biograf hat gegen den Willen von Helmut Kohl ein wunderbar trashiges und auch postmodernes Buch veröffentlicht, Vermächtnis. Es beruht auf langen Gesprächen mit dem Altkanzler. In diesem Buch werden fast alle Weggefährten von Helmut Kohl unflätig beschimpft. Thomas Bernhard, der Helmut Kohl der Literatur, hätte es genauso geschrieben.

Es ist ein ehrliches Buch, vielleicht die erste ehrliche, wenngleich inoffizielle Politiker-Autobiografie. Mehr Ehrlichkeit in der Politik – genau das wird seit Jahren immer wieder gefordert. Man muss Ehrlichkeit in der Politik dann aber auch aushalten können.


http://www.zeit.de/zeit-magazin/2014/44 ... elmut-kohl

Re: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Beitragvon Schwejk Josef » Fr 28. Nov 2014, 12:18

Aufgespießte: Köstliche Realburleske:

Ukip-Blamage auf Twitter: Ach, Westminster ist keine Moschee?

Ein Vertreter der rechtspopulistischen britischen Ukip-Partei ist mit Anlauf ins Fettnäpfchen gesprungen: Er hielt die Londoner Westminster-Kathedrale für eine Moschee. Unter dem Hashtag #ThingsThatAreNotMosques folgt jede Menge Häme.


http://www.spiegel.de/netzwelt/web/thin ... 05433.html

Re: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Beitragvon Langewilli » Sa 29. Nov 2014, 11:17

Schwejk Josef hat geschrieben:Aufgespießte: Köstliche Realburleske:

Ukip-Blamage auf Twitter: Ach, Westminster ist keine Moschee?

Ein Vertreter der rechtspopulistischen britischen Ukip-Partei ist mit Anlauf ins Fettnäpfchen gesprungen: Er hielt die Londoner Westminster-Kathedrale für eine Moschee. Unter dem Hashtag #ThingsThatAreNotMosques folgt jede Menge Häme.


http://www.spiegel.de/netzwelt/web/thin ... 05433.html



Der Typ ist entschuldigt; er ist dumm, ausserdem nicht katholisch.


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Re: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Beitragvon Schwejk Josef » Sa 29. Nov 2014, 14:15

Der Typ ist entschuldigt; er ist dumm, ausserdem nicht katholisch.


Jepp. So ist es wohl, so mag es sein. ;-)

Re: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Beitragvon Schwejk Josef » Sa 20. Dez 2014, 15:10

Argumente für das Einfrieren von Kindern

Harald Martenstein geht das Social Freezing nicht weit genug. Nicht nur die Eizellen, sondern auch die fertigen Kinder sollten eingefroren werden. Das schont die Nerven.

Immer wenn ich zum Kühlschrank gehe, was leider viel zu oft der Fall ist, denke ich über Freezing nach. Würde ich, wenn ich eine junge Frau wäre, meine Eier einfrieren lassen? Also, ich hätte keine Bedenken.

Ich finde es ein bisschen albern, wenn Leute in solchen Zusammenhängen das Wort "unnatürlich" verwenden. Was, bitte schön, ist an unserem heutigen Leben denn noch natürlich? Zum Glück sehr wenig. Wenn es nach der Natur ginge, dann würden wir alle mit vierzig Jahren sterben. So war das bei unseren Vorfahren, die dieses total natürliche Leben geführt haben, mit Biofood, reichlich Rohkost, ohne Zigaretten, klimaverträglich und mit viel Bewegung in der frischen Luft.

Natur – der schlimmste Feind des Menschen. Der Natur fallen mehr Menschen zum Opfer als Atomkraftwerksunglücken, Rauschgift, Terror und Flugzeugabstürzen zusammengenommen. Die Natur, diese böse alte Vettel, will nämlich, dass wir alle sterben. Wenn jemand herzkrank ist und einen Stent gesetzt bekommt, war das Weiterleben dieser Person offensichtlich nicht der Wille der Natur. Bleibt mir bloß mit der Natur vom Leib. (...)


http://www.zeit.de/zeit-magazin/2014/48 ... l-freezing

Re: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Beitragvon Der Unbeherrschte » Mo 29. Dez 2014, 04:18

Goethe
Groteske in 2 Bildern von Egon Friedell und Alfred Polgar
Der Sketch entstand in den ›Fledermaus‹-Jahren und wurde ein dauernder Erfolg. Friedell: ». . . eines der meistgespielten dramatischen Werke der Weltliteratur.« Er spielte die Hauptrolle dreißig Jahre hindurch; das letzte Mal im Januar 1938, wenige Wochen vor seinem Tode.
Personen
Goethe
Der Schulrat
Der Professor der deutschen Literaturgeschichte
Ein Prüfungsbeisitzer
Züst ein schlechter Schüler
Kohn ein guter Schüler
Linerl Züsts Freundin
Der Pedell
Erstes Bild
Schulzimmer
Züst und Linerl
Züst, geht memorierend auf und ab, verzweifelt. Es geht nicht, es geht nicht!

Linerl. Aber schau! Das bisserl Goethe wirst scho' a no derlerna.

Züst. Das bisserl?! Hast du eine Ahnung! Bevor man die dreiundzwanzigste Epoche so eines endlosen Dichters auswendig kann, hat man die ersten zwölf längst wieder vergessen. Da ist der Körner ein anderer Bursch gewesen! Mit zweiundzwanzig Jahren war er schon tot! Aber dieser Goethe! Dieses olympische Monstrum, das allein mehr Jahreszahlen verbraucht hat als alle anderen Dichter zusammen! Dreiundachtzig Jahre hat er alt werden müssen; in alles hat er sich dreinmischen müssen, bei jedem Datum war er dabei; so oft er mit einem Frauenzimmer was zu tun gehabt hat, ist er fruchtbar geworden . . .

Linerl. Aber geh!

Züst. . . . und hat einen neuen Brocken gesammelte Werke von sich gegeben.

Linerl. Ah so!

Züst. Aber noch nicht genug! O nein! Wo er ein Gras gesehen hat, hat er ihm gleich wachsen zugehört; alle besseren Herren in seiner Nähe hat er in ›Gespräche mit Goethe‹ verwickelt und die entfernteren hat er zu zwei- bis dreibändigen Briefwechseln benützt; und wie er schon ganz alt war und nicht mehr hat schreiben können, hat er sich den Eckermann geholt und hat ihm Löcher in den Bauch geredet, nur damit auch aus dieser Zeit etwas über ihn zu lernen ist!

Linerl. Aber es wird doch net alles so wichtig sein!

Züst. Nicht wichtig?! Sag' das einmal dem Professor Hinterhuber! Kopierend. »In Goethes Leben ist nichts unwichtig! Merken Sie sich das, Sie Grünschnabel! Goethe ist ein Heiligtum! . . .« Auf vier italienischen Reisen hab' ich ihn begleiten müssen!

Linerl. Gelt, und mit dein'm Papa hast nicht nach Prag fahren dürfen!

Züst. Herrgott, oder waren's gar nur drei italienische . . . Bitt' dich, schau g'schwind nach!

Linerl, blättert im Buch. Jessas! Da schau her! In Karlsbad war er auch!

Züst. Wa-as?

Linerl. Ja, da steht's! Liest. »Kapitel achtzehn: Der Dichterfürst in Karlsbad und seine Bedeutung für die alkalischen Naturwässer des Königreiches Böhmen.«

Züst, wütend. Na, da hast du's! Jetzt werd' ich am End' noch durchfallen, weil der Herr Geheimrat Verstopfung gehabt hat. Der Teufel soll ihn holen! Der Teufel soll ihn holen! Wirft das Buch in eine Ecke. Verdunkelung, Donner, Wetterleuchten.

Eine tiefe Stimme. Du mußt es dreimal sagen!

Züst, zitternd, wiederholt automatisch. Der Teufel soll ihn holen! Verdunkelung, die Tür springt auf, es erscheint Goethe.

Züst, mit schwacher Stimme. Wer sind Sie? Es wird wieder hell.

Goethe, milde. Ei, kenne Se mich denn net? Ich bin doch der, wo der Deiwel hole soll.

Züst fällt auf die Knie und wiederholt. Altmeister . . . Dichterheros . . . Neuschöpfer der deutschen Dichtung . . . Großer Dioskur von Weimar . . . Wiederbeleber der Antike . . .

Goethe. Ei, lasse Se doch die Förmlichkeite! Sache Se oifach zu mir Exzellenz, verstanne? Da der Schüler ihn verständnislos ansieht. Verstehe Se mei Frankforterisch net recht? Lächelnd. Ja, 's Hochdeutsch hat mer immer Schwierigkeite gemacht. Und nu sache Se mer, was wolle Se eichentlich geche mich, daß Se immer so uff mich rumschimpfe?

Züst. Ich . . . ich . . . möchte . . . weil ich's nicht finden kann . . . wenn Exzellenz so gütig wären . . . wie oft waren Exzellenz in Italien?

Goethe. No, dreimal wird's schon gewese soi – Aber sache Se mer, was geht Ihne das an?

Züst, indem er sich erhebt. Ach, Exzellenz, das kommt doch sicher morgen dran in der Prüfung. Ich weiß ja, alles, was Sie betrifft, ist sehr wichtig und interessant, aber es ist so furchtbar viel. Und wenn ich die Prüfung nicht besteh', muß ich in ein Bankgeschäft und ich möcht' doch so riesig gern Doktor der Philosophie werden, um im Kabarett auftreten zu können . . .

Goethe. No, no, nur net gar so hoch hinauswolle!

Linerl. Ach ja, er tragt so viel schön vor!

Goethe bemerkt Linerl. E nett Mädche! Faßt sie unters Kinn.

Züst. Ach Gott, manchmal hab' ich den Eindruck: wirklich jede Frage über Goethe könnten eigentlich nur Exzellenz selber beantworten!

Goethe. Was? Ich selber? Sie, da bringe Se mich uff e Idee! Da wolle mer mal n' kleine Jokus aufführe. Ich wer die Prüfung für Ihne mache. Ich wer mich in Ihne verwandle! Da wird emal der Schüler mehr wisse wie die Herre Lehrer! Alle wern glaube, Sie sind's und derweil wer ich dastehe und alle Frache großartig beantworte. Wenn irchend jemand das Zeich weiß, so bin ich's doch! Vergnügt. Das Zeichnis werd sich gewasche hawwe!

Züst fällt auf die Knie. Ach, Exzellenz, wie soll ich Ihnen danken!

Goethe. Lasse Se nur! S' macht mer ja selber Spaß, die Federfuchser zu blamiere. – Un gar wenn so e nett Mädche mit bei is, da kann ich schon gar net noi sache! Das hab' ich nämlich nie gekönnt – in meiner ganze Biographie net!

Linerl fällt auf die Knie. Ach Exzellenz! Wenn Sie schon so liebenswürdig sind, ich hätt' auch eine Bitte! Schreibens mir was ins Stammbuch, der Herr Bonn und der Herr Caruso stehen auch schon drin!

Vorhang.
Zweites Bild
Schulrat, Professor der Literatur, Beisitzer, Kohn, Züst, später Goethe, später der Pedell.
Professor. Also, Sie wissen, in bezug auf Goethe verstehe ich keinen Spaß, Goethe ist ein Heiligtum.

Schulrat, zahnlos, uralt, von ohnmächtiger Ironie. In das man nur durch eisernen Fleiß sich den Eintritt erwirbt.

Professor. Wir haben noch den Kohn und den Züst. Züst, Sie sind der Schwächere, stehen Sie auf! . . . Spricht leise mit Kommission. Indem Züst sich erheben will, kommt Goethe hinter ihm heran, drückt ihn unter die Bank und tritt vor die Prüfungskommission. Goethe ist eine Erscheinung von so gigantischer Bedeutung, daß sie jedem Gebildeten aufs genaueste vertraut sein muß. Nur der kann mit Aussicht auf Erfolg in den Ernst des Lebens hineintreten, der Goethes Leben und Schaffen zu seinem täglichen Brot gemacht hat.

Goethe, bescheiden abwehrend. Bitte, bitte –

Professor, sehr scharf. Sagten Sie etwas?

Goethe, verärgert. Noi.

Professor, blickt in sein Notizbuch. Wir beginnen mit der Familiengeschichte. Wie hießen, was waren und wo lebten Goethes Großeltern a) väterlicherseits, b) mütterlicherseits?

Goethe. No, der Vattersvatter war der alt' Schorsch Friedrich Goethe, der war scho Schneider in Frankfort, na un sei Fraa war e geborne Schallhorn, das war die Tochter vom Weidewirt, die hat von Neckergemind 'erübergemacht, un der Bruder, das war der Kaschper Schallhorn –

Professor, befriedigt. Nun, ganz schön. Das wäre ja soweit memoriert.

Goethe, unbeirrt. No und dem sei Fraa, de Bisemerskathrin, das war doch de erschte Hebamm, die vom Großherzog e beeidichtes Diplom gehabt hat, aber sonscht war se e bees Weib; der ältest' Sohn hat auch weche dem nach Bensheim niwwergeheirat, noja, er hat den Krach net mehr ausgehalte, der Ulrich . . .

Professor. Nun ja, sehr gut, das genügt!

Goethe, nicht aus dem Konzept zu bringen. . . . Der Ulrich Franz Theodor.

Professor. Sie scheinen sich ja so weit in die Materie vertieft zu haben.

Goethe. Deß glaab ich!

Professor. Aber nun zum Dichter selber. Er wurde geboren?

Goethe. 28. August 1749.

Professor. In?

Goethe. Frankfort, Großer Hirschgrawe 12 – Professor will unterbrechen – in dem blauen Zimmer im zweiten Stock links. In Erinnerung versunken. Da wäre aach die zwää Pendeluhre vom Onkel Rettich mit die nette Amorettcher druff, die oi hat de Schorsch kaput gemacht, wie er mit eme Klicker roigeschosse hat . . .

Professor, gereizt durch Goethes Mehrwissen. Verlassen wir Goethes Geburtszimmer . . . Er bezog wann die Universität?

Goethe. Mit sechzeh' Jahr'.

Professor. Er studierte in welchen Städten und zu welchen Behufen?

Goethe. No in Leipzig, dann in Straßburg erscht nix.

Professor. Hm?

Goethe. Und nachher die Rechtswissenschaft und Kunstgeschichte un e bißche Philosophie.

Professor, zornig. Wie? Ein bißchen?

Goethe. Na, 's war net viel!

Professor. Wann verließ Goethe Wetzlar?

Goethe. Ei, no so um die 71 oder 72.

Professor, triumphierend. Ich frage, wann Goethe Wetzlar verließ?

Goethe, unsicher, nachdenklich. 72, ja, ja, 's wird scho so gewese soi, im Zweiundsiebzigerjahr.

Professor. Mit diesem inhaltlosen Herumgerede werden Sie Ihre Unwissenheit nicht verbergen! Ich meine natürlich: in welchem Monat verließ Goethe Wetzlar?

Goethe. In welchem Monat? Warte Se, das werd' ich Ihne gleich sache – denkt verzweifelt angestrengt nach – Ei, wann war's denn nur? Ei, das hab' ich doch gewißt . . .

Professor. Ja, das ist Ihre ständige Redensart! Sie haben immer nur gewußt! Aber Sie wissen nichts. Zu Kohn, der Zeichen ungeduldigen Ehrgeizes von sich gibt. Kohn, wann verließ Goethe Wetzlar?

Kohn. Selbstverständlich am 23. September 1772, 5 Uhr nachmittags mit der Fahrpost.

Goethe, erfreut. Ja, richtig, im September mit der Fahrpost . . .

Professor, mit scharfem, strafendem Blick auf Goethe. Jawohl, mit der Fahrpost. Kleine Pause, während der Goethe Kohn freundlich anblickt. Aus welchem Anlaß schrieb Goethe die ›Laune des Verliebten‹?

Goethe. No, da war er noch e junger Mensch, dem so allerlei durch'n Kopp gegange is. Da hat er wohl viel geschriwwe, wo ihm später liewer gewese wär, er hätt's net geschriwwe.

Schulrat. Hihihi! Ihnen wäre freilich am liebsten, wenn er gar nichts geschrieben hätte. Kohn meckert, Goethe sieht ihn strafend an.

Professor. Wann las Goethe zum erstenmal Gottsched?

Goethe, unwillig. Ei, das weiß ich net.

Professor. Wie?

Goethe. Das weiß ich net. Das werd doch alles net so wichtig soi!

Professor. In Goethes Leben ist nichts unwichtig. Merken Sie sich das, Sie Grünschnabel! Goethe blickte den Professor erstaunt an.

Professor, im Litaneiton. Alles hat seine Bedeutung als organischer Tragbalken in dem tektonischen Gefüge dieser in ihrer harmonischen Gegeneinanderwirkung von Kraft und Last einzig dastehenden Biographie.

Goethe, jovial. No, so arch harmonisch war's ja gar net.

Professor. Ich denke, diese Frage ist bereits von kompetenteren Köpfen entschieden worden als Sie es sind. –

Goethe. Ah so!

Professor. Eine andere Frage: Wann besorgte Goethe die erste Umarbeitung der ›Stella‹?

Schulrat. Das wird doch hoffentlich mit Ihrer Erlaubnis wichtig genug sein?

Goethe. Die Stella? Warte Se mal. Unsicher. 1804?

Kohn, entsetzt. T!T!T!

Professor. Ich bin starr. Sie wissen wirklich nicht, daß die erste Umarbeitung der ›Stella‹ 1806 stattfand? Ja, sagen Sie, was haben Sie denn eigentlich in Ihrem Kopf? Goethe sieht den Professor erstaunt an.

Professor. Wann erschien ›Hermann und Dorothea‹?

Goethe, nach kurzer Überlegung. 1796.

Professor, höhnisch. Ich würde an Ihrer Stelle gleich 95 sagen!

Schulrat. Oder 94!

Professor brüllt. ›Hermann und Dorothea‹; erschien im Jahre 1797, Sie Ignorant!

Goethe, fest. Noi, 's war 96!

Professor. 97!

Goethe, unerschütterlich. 96!

Kohn übergibt durch Goethe dem Professor ein aufgeschlagenes Buch.

Professor. Hier! Sie insolenter Bursche!

Goethe. Ja, wirklich – Ich hätt' doch druff geschwore, 's war 96!

Professor. Daß ein deutscher Jüngling derartige Daten nicht gegenwärtig hat, könnte einem wirklich den Glauben an die Jugend nehmen! Da muß sich ja Goethe im Grabe umdrehen.

Schulrat. Hihihi! Pedell, drehen Sie die Goethe-Büste um, damit ihr dieser Anblick – er zeigt auf Goethe – erspart wird. Es geschieht. Goethe lacht.

Professor. Nun, ich sehe schon, Daten darf man Sie nicht fragen. Nun etwas über Goethes Innenleben. Welche seelischen Erlebnisse veranlaßten den Dichter zur Fortführung des ›Wilhelm Meister‹?

Goethe. No, da hat er doch schon vom Verleger die 200 Taler Vorschuß uff'n zweite Band gehabt, da hat er'n doch aach schreibe müsse.

Professor. Was? Sie behaupten also, daß schnöde Geldgier die Triebfeder von Goethes genialer Dichtung war?

Goethe. Ei wieso denn Geldgier? Das Geld hat er doch längst net mehr gehabt.

Professor. Nun, eines steht fest: Goethes Leben hat Sie nicht beschäftigt. Goethe blickt ihn erstaunt an. Jetzt will ich schauen, ob Sie wenigstens bei meinen Vorträgen aufgemerkt haben. Was wissen Sie über den Charakter des Tasso?

Goethe. No, das is e kindischer, hysterischer Mensch, der sich net recht auskennt hat im Lewe, halt so e verrückter Dichter . . .

Professor schlägt auf den Tisch, starr. Ich traue meinen Ohren nicht. Automatisch, im lehrhaften Ton, der durch parallele Bewegungen der beiden Zeigefinger unterstützt wird. Tasso zeigt den Kampf des Subjekts und seiner Gebundenheit, das, indem es sich in die Objektivität auseinanderlegt, notwendig an der inneren Zerrissenheit des Subjekt-Objekts, das heißt der nach außen projizierten Individualität, scheitern muß. Kohn hat die Definition mit Kopfnicken skandierend leise mitgesprochen; die letzten Worte spricht er schon fast laut mit und schlägt gleichzeitig mit dem Professor auf den Tisch. Goethe erschrickt und ist zornig auf Kohn.

Schulrat. Wissen Sie vielleicht zufällig, was Goethes Hauptwerk war?

Goethe. stolz. No, die ›Farwelehr‹! Schallendes Gelächter. Was is denn da zu lache?

Schulrat. Hihihi! Da ist allerdings nur zu weinen.

Professor. Wann entstand der ›Tancred‹? Goethe weiß es nicht, dreht sich fragend zu Kohn um.

Kohn, einsagend. 1800.

Goethe, befreit. 1800.

Professor. Ein Wunder, daß Sie einmal etwas wissen. – Goethe blickt dankbar auf Kohn.

Professor. Welche Werke entstanden noch in diesem Jahr?

Goethe. No, e paar Gedichtcher.

Professor. Das ist keine Antwort. Gedichte fallen in jedes Jahr. Aber im Jahr 1800 entstand vor allem Palä . . . Palä . . .

Goethe wendet sich wieder fragend zu Kohn.

Kohn, einsagend. Paläophron und Neoterpe.

Goethe will erfreut nachsprechen. Paläophron . . .

Professor, scharf. Genug! Ich habe jedes Wort gehört. Meine Ohren reichen bis in die letzte Bank! – Was waren Goethes letzte Worte?

Goethe. No, Milch hat er gewollt.

Professor. W-a-as? Ich verstehe immer Milch.

Goethe. No ja, Milch in sein Kaffee, weil er ihm zu dunkel war. Und da hat er gesacht: mehr licht!

Professor, entsetzt aufstehend. Es zeigt die äußerste Niedrigkeit der Gesinnung, annehmen zu wollen, daß ein Genius wie Goethe sich ein so triviales Thema für seine letzten Worte hätte wählen können!

Schulrat. Wissen Sie vielleicht zufällig, wer die Frau von Stein war?

Goethe. No, soi Geliebte.

Professor erhebt sich. Derartige Ausdrücke sind an einer Staatsanstalt absolut unstatthaft. – Der Dichterheros schätzte Frau von Stein viel zu hoch, als daß er sie zu seiner Geliebten erniedrigt hätte. – Lachen Sie nicht, Sie frecher Bursche! – Warum löste Goethe sein Verlöbnis mit Lili?

Goethe, unwillig. Das kann ich doch net sache. Das wär' doch indiskret.

Schulrat. Diskretion ist allerdings die Haupteigenschaft, die Sie in bezug auf Goethe entwickeln. Kohn meckert, Goethe blickt ihn strafend an.

Professor. Wissen Sie wenigstens, warum er die Beziehungen zu Friederike abbrach?

Goethe, zornig. Ja, das weiß ich schon, aber das geht doch niemande was an!

Professor. Was behaupten Sie? Goethes Beziehungen zur Blume von Sesenheim (1770 bis 72) gingen die Wissenschaft nichts an!

Goethe. Noi, das geht niemande was an.

Schulrat. Wissen Sie vielleicht überhaupt, wer der Herr dort ist? Zeigt auf die Reproduktion des Wiener Goethe-Denkmals.

Goethe, ahnungslos. Noi, das weiß ich net.

Der tschechische Beisitzer, der bisher ganz stupid dagesessen ist, mit tiefer Baßstimme. Also jetz' weiß der blede Lackel nit, daß das den Gette vurstellt!

Goethe. Was, deß soll der Goethe soi?

Professor. Na, wer denn sonst?

Goethe. Jetzt werd mersch awwer zu dumm! Erscht frache Se mich Sache, die koi Mensch wisse kann und die ganz wurscht sinn, nachher erzähle Se mir'n Blödsinn übern Tasso, dann mache Se mer de Farwelehr' schlecht, dann wolle Se iwwer die Weiwer Sache wisse, – Professor will remonstrieren – die Ihne en Dreck angehn, un jetz' wolle Se mer gar den Toppsitzer da als Goethe uffschwätze! Da muß ich schon de Götz zitiere: Ihr könnt mich alle miteinander . . . Will wütend ab.

Professor, nach Luft schnappend. Halt! Bleiben Sie! Zur Strafe für Ihre Insolenz sollen Sie Zeuge Ihrer Beschämung sein! Tempo von jetzt ab sehr rapid. Kohn!! – Stehen Sie auf! So stehen Sie doch auf!

Kohn. Ich steh' doch schon!

Professor. Wann verließ Goethe Rom?

Kohn. 22. April 1788.

Professor. Welche Orte berührte er noch in diesem Jahr?

Kohn. Pempelfort, Münster, Stichroda.

Professor. Wann wurde Eckermann geboren?

Kohn. 14. November 1790.

Professor. Was schrieb Goethe im Frühling dieses Jahres?

Kohn. Urpflanze, Amyntas, der Sänger.

Professor, immer erfreuter. Was übernahm er in diesem Jahre?

Kohn. Die Oberaufsicht über die Landesanstalten.

Professor. Für?

Kohn. Kunst und Topographie.

Professor. Wie hieß Goethes Schwester?

Kohn. Cornelia.

Professor. Geboren?

Kohn. 1765.

Professor. Gestorben?

Kohn. 1814.

Professor ist in freudiger Erregung ganz aufgesprungen. Verheiratet an?

Kohn. Schlosser.

Professor. Geboren?

Kohn. 1754.

Professor. Gestorben?

Kohn. 1829.

Professor. Kinder?

Kohn. Franz, Georges, Marie, Theophil.

Professor. Kohn.
Gleichzeitig im raschesten Tempo.
Geboren? 1780.
Gestorben? 1824.
Wo? In Magdeburg.
Wann? November.
Wie oft? Dreimal.
Warum? Wegen Herder
Wo? In den ›Horen‹.
Mit wem? Mit Schiller.
Erkrankt? Am vierzehnten.
Genesen? Am neunten.
Woran? An Darmverschlingung
Professor schlägt nach.

Das Kollegium gibt Zeichen der höchsten Zufriedenheit. Goethe hat erst unwillig und erstaunt, dann immer vergnügter zugehört; am Schluß schüttelt er sich vor Lachen.
Nachdem das Prüfungsgeknatter beendet ist, sagt der Professor triumphierend zu Goethe:
Sehen Sie! Das ist Bildung!
Rascher Vorhang.
http://gutenberg.spiegel.de/buch/wozu-das-theater-4953/34
„Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist..." (J.G. Fichte)

Re: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Beitragvon Schwejk Josef » Mo 29. Dez 2014, 10:21

Goethe im Examen ... einfach härrrrrrrlich.

Ganz in der Tradition Grabbes "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung".

Und insofern den Fredtitel primig umgesetzt. ;-)

Re: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Beitragvon Stumpen2007 » Fr 9. Jan 2015, 02:26

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Re: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung

Beitragvon Der Unbeherrschte » Sa 10. Jan 2015, 02:49

„Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist..." (J.G. Fichte)