Meinungsfreiheit - Ist unsere Gesellschaft wirklich liberal?


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Meinungsfreiheit - Ist unsere Gesellschaft wirklich liberal?

Beitragvon ErwinK » Mo 17. Jul 2017, 18:18

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article166698745/Mit-unserer-Meinungsfreiheit-ist-es-nicht-weit-her.html
Ich habe heute einen interessanten Artikel in der Welt zum Thema Meinungsfreiheit gelesen. Ich teile in vielen Punkten diese Meinung, dass es mit der Meinungsfreiheit in unserer Gesellschaft (und auch in diesem Forum) nicht immer so weit her ist. Wenn unsere Gesellschaft oder unsere Presse jemanden ausgemacht hat, der zu stark vom "Mainstream" abweicht, dann wird er/sie teilweise gnadenlos fertig gemacht und nicht selten geht es so weit, dass jemand von heute auf morgen fast schon vernichtet wird. Der Verfasser nennt z.B. Thilo Sarrazin, der mit seinen umstrittenen Thesen seiner Bücher deutlich aneckt. Was besonders bemängelt wird ist, dass man sich kaum mit den Inhalten auseinandersetzt, sondern dass gleich die Person fertig gemacht wird. Das geht in so manchen Fall ja bis zu Sachbeschädigungen, Körperverletzung und Todesdrohungen. Auch Xavier Naidoo oder die Gruppe "Böhse Onkelz" sind für mich solche Beispiele.
Im Zusammenhang mit der AfD ist das auch deutlich zu erkennen. Da wird z.B. ein Hotel gnadenlos geächtet, weil es Räumlichkeiten für die AfD zur Verfügung stellt. Offenbar will man so gezielt alles und jeden, der die AfD duldet oder unterstützt, so massiv unter Druck setzen, wie es nur eben geht. Toleranz und Meinungsfreiheit sieht anders aus...
Wenn unsere Gesellschaft nicht in der Lage ist, auch mit abweichenden Thesen und Meinungen klar zu kommen und diese lieber "unter der Gürtellinie" angreift als sie auszuhalten oder inhaltlich anzugehen, dann sind wir auf einem gefährlichen Weg.
Mein Herr, ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen. Voltaire (1694-1778), eigtl. François-Marie Arouet, frz. Philosoph u. Schriftsteller

Re: Meinungsfreiheit - Ist unsere Gesellschaft wirklich libe

Beitragvon tottitom » Mo 17. Jul 2017, 18:55

Wenn in unserem Land die Meinungsfreiheit nicht gegeben wäre - in welchem Land dann?
Und was heisst liberal? In der Wirtschaft verteufelt man Markt-Liberalität schnell als Neoliberalismus - oft von den gleichen Leuten, die ein liberales Denken innerhalb der Gesellschaft fordern! Ist Liberalität nicht auch nur das, was entweder meiner Meinung entspricht oder ich wenigstens noch eben ertragen/oder dulden kann!? Respekt wäre m. E. der bessere Ausdruck, Respekt vor der Meinung des anderen, dem "anders sein". Das ist nun einmal nicht einfach wenn man bedenkt, dass der Mensch (hoffentlich) eine Erziehung (geprägt von Werten) genossen hat oder sich in einem bestimmten, ihn prägenden, Umfeld lebt. Ist es tatsächlich verwunderlich, wenn Menschen, die sich tagtäglich in einem bestimmten sozialen Umfeld bewegen dem Gegenteil ablehnend gegenüberstehen und das vllt. auch kommunizieren!? Ist es tatsächlich verwunderlich, wenn sich Menschen, die sich täglich mit Flüchtlingen oder Fluchtursachen zu tun haben sich wenig tolerant gg. eine Partei verhalten, die in ihren Reihen Leute hat, die da öffentlich von Überfremdung oder "Deutschland schafft sich selbst ab" fabulieren? Nein, für mich ist das nicht verwunderlich - mich schüttelst nur, dass Andersdenkenden(-lebenden, fühlenden, etc.) mit Gewalt begegnet wird!
Zu hinterfragen wäre der Begriff Liberalität wohl eher bei der Bestrafung von Tätern, die sich am Wohlergehen oder Gegenständen anderer vergriffen haben und zu Bewährungen "verurteilt" werden! Darüber hat der Autor kein Wörtchen verloren!
Kein Kölsch für Nazis! Der nächste Tanz ist wieder mit Musik!
"Was passiert, wenn in der Sahara der Sozialismus eingeführt wird?
Zehn Jahre überhaupt nichts, und dann wird der Sand knapp."
(F.J. Strauss 1983)

Re: Meinungsfreiheit - Ist unsere Gesellschaft wirklich libe

Beitragvon schwarzgelbcolonia » Mo 17. Jul 2017, 20:11

@erwin: Zunächst Mal dürfen alle genannten ihre Meinung äußern. Sarrazin hat es den Job gekostet, was nicht weiter verwunderlich ist, wenn ich mich öffentlich gegen die Werte meines Arbeitgebers stelle. Ab einem gewissen Punkt wird es da für jeden brenzlig. Und wenn ich bewusst provoziere, um meine Bücher zu verkaufen nehme ich das billigen in Kauf. Geschadet hat es keinem der von Dir genannten und vernichtet springt wohl deutlich zu weit.

Ich finde es nur logisch, dass man eine Menge Gegenwind erntet, wenn man unpopuläre Ansichten äußert. Und auch der Gegenwind gehört zur Meinungsfreiheit. Ich nehme eher zunehmend die Empörtheit derer zur Kenntnis, deren Meinung man kritisiert. Da hätten sie dann lieber Schweigen.

Einzig den Umgang mit dem Maritim hier in Köln und vor allem seinen Mitarbeiter finde ich beschämend. Die AfD ist nicht wählbar und man muss sie inhaltlich stellen wo man kann. Aber sie muss sich in einer Demokratie versammeln dürfen etc. Proteste ja, Druck auf den der den Ort stellt nein.

Re: Meinungsfreiheit - Ist unsere Gesellschaft wirklich libe

Beitragvon Lily the Pink » Mo 17. Jul 2017, 20:26

Abgesehen davon, dass es ist immer problematisch ist, einem Kollektivsingular wie "Gesellschaft" einen Subjektcharakter mit einheitlicher Mentalität, Denkstruktur und Handlungsweise zu unterlegen, erkenne ich - sorry! - in dem Kommentar eigentlich keine neuen Impulse für die Einleitung eines Diskurses, der nicht schon seit Jahren ein thematischer Dauer(b)renner ist. Sogar hier auf der Mikroebene des Forums, allerdings inzwischen unter umgekehrten Vorzeichen. ;-) Bezeichnenderweise wird im verlinkten Kommentar eine spezifisch hässliche Seite des in der Tat zu beklagenden "Liberalismusverlustes" bei großen Teilen des Bürgertums nicht mal angetippt: die Flucht in Verrohung und autoritäre Politikmuster, kurz: der Verrat am Liberalismus, d.h. am einst eigenen Ideal, dem Kern seiner Bürgerlichkeit. Konstant geblieben erscheint bei jenen nur noch die Treue zum Liberalismus in seiner halbseitig gelähmten Gestalt: in neoliberalistischen Marktfundamentalismen. Zur erneuten Erinnerung: Hier wurde bereits mehrfach auf Thesen Sloterdijks - wenn auch ohne Resonanz - hingewiesen, die mehr denn je aktuell sind: u.a:
* „Sollte es je zu einer intellektuellen Regeneration des politischen Liberalismus kommen, sie müsste von der Erkenntnis ausgehen, dass Menschen nicht nur habenwollende, giergetriebene, süchtige und brauchende Wesen sind, die freie Bahn für ihre Mangelgefühle und ihren Machthunger fordern.“

* „Nie zuvor haben Begriffe wie ‚liberal‘ oder gar ‚neoliberal‘ eine so niederträchtige Konnotation angenommen wie in den letzten Jahren. Noch nie war das liberale Denken, vor allem in unserem Land, so weit vom vornehmen Pol der menschlichen Möglichkeiten entfernt. Noch nie hat man die Freiheit so eng und so fatal mit der Besessenheit des Menschen von dem Gier-Stress in Verbindung gebracht.“

* „Was beweist das? Nichts anderes, als dass die Sache der Liberalität zu wichtig ist, als dass man sie den Liberalen allein überlassen dürfte.“

* „Diese Einschränkung betrifft nicht nur eine einzelne Partei. Die Sache des Realen und seiner Reform ist zu wichtig, als dass man sie Parteien überlassen könnte. So ist die Sorge um die kulturelle Tradition zu umfassend, als dass man sie bloß Konservativen anvertrauen dürfte.“

* „Wer von der Freiheit etwas erfahren hat, weiß, dass es weiterhin darum geht, die beiden primären Tyranneien zurückzudrängen, die von alters her das menschliche Dasein deformieren: diejenige, die das Gesicht eines Despoten trägt, und die anonyme, die sich als herrschende Form des Notwendigen aufzwingen möchte.“

* „Wir verteidigen die Sache der Freiheit, indem wir daran arbeiten, das Wort Liberalismus, das leider zur Stunde eher für ein Leben auf der Galeere der Habsucht steht, wieder für ein Synonym für Generosität zu machen - und das Wort Liberalität zu einer Chiffre für die Sympathie mit allem, was den Menschen von Despotien jeder Art emanzipiert.“

Re: Meinungsfreiheit - Ist unsere Gesellschaft wirklich libe

Beitragvon ErwinK » Mo 17. Jul 2017, 22:12

tottitom hat geschrieben:...Ist es tatsächlich verwunderlich, wenn sich Menschen, die sich täglich mit Flüchtlingen oder Fluchtursachen zu tun haben sich wenig tolerant gg. eine Partei verhalten, die in ihren Reihen Leute hat, die da öffentlich von Überfremdung oder "Deutschland schafft sich selbst ab" fabulieren? Nein, für mich ist das nicht verwunderlich - mich schüttelst nur, dass Andersdenkenden(-lebenden, fühlenden, etc.) mit Gewalt begegnet wird!

Die von Dir kritisierten Leute haben sicherlich aus ihrer Sicht auch gute Gründe für ihre Haltung. Warum glaubst Du, dass Deine Haltung richtig und die andere falsch ist?
Wir erleben auch, wie nah Ablehnung und Gewalt beieinander liegen. Gewalt gegen Andersdenkende ist real und auch wenn es unsere Presse meist nur lokal berichtet. Gewalt und Sachbeschädigung gegen AfD-Mitglieder oder Politiker der Partei Die Linke ist an der Tagesordnung. Wir sehen auch, dass sich rechts und links immer öfter mit Gewalt bekämpfen.
Warum verwundert es überhaupt, dass viele Menschen in unserem Land bei Ereignissen wie der Kölner Silvesternacht oder aktuell beim Volksfest in Schorndorf Angst vor Überfremdung haben? Wenn bei einem Volksfest wie in Schorndorf, wo sonst höchstens mal ein paar Betrunkene randalieren, plötzlich große Mengen "Fremde" Angst und Schrecken verbreiten, ist das dann kein ausreichender Grund, Angst zu haben, dass sich dauerhaft etwas in unserem Land verändert? Wenn die Kriminalität von "Fremden" in einigen Bereichen dramatisch ansteigt, ist das kein Grund, Angst zu haben? Wenn Münchener mit ihren Geschäften die Bahnhofsgegend verlassen, weil sich ihre Kundschaft dort nicht mehr sicher fühlt, ist das keine beängstigende Entwicklung? Nur weil Du vielleicht auch viele gute Erfahrungen gemacht hast, kannst Du den Menschen, die es anders sehen, doch nicht pauschal deren guten Willen absprechen.
Auf der anderen Seite haben wir gerade erlebt, wie sich der Volkszorn gegen Links gerichtet hat. Da wurde dann auf nahezu alles eingedroschen, was auch nur einen Hauch von Verständnis gezeigt hat. SPD-Mitglieder mussten vor Jahren gemachte Äußerungen rechtfertigen, obwohl die in einem ganz anderen Zusammenhang gemacht wurden. Toleranz war da auch wenig vorhanden.
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Re: Meinungsfreiheit - Ist unsere Gesellschaft wirklich libe

Beitragvon tottitom » Mo 17. Jul 2017, 23:02

Wo habe ich geschrieben, dass meine Haltung (?) die richtig ist und andere falsch wären? Wo habe ich Menschen "den guten Willen" abgesprochen? Wo habe ich von meinen Erfahrungen geschrieben? Ich habe im ALLGEMEINEN geschrieben und gesagt, dass das Umfeld prägt und Einstellungen daher nicht verwundern! Ich habe auch nicht von Otto-Normalo geschrieben der Ängste hat sondern von Vertretern der Politikerkaste, die da Ängste propagieren. Sorry, aber hier muss wohl eine Verwechselung vorliegen!?
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Re: Meinungsfreiheit - Ist unsere Gesellschaft wirklich libe

Beitragvon Sträfling » Di 18. Jul 2017, 00:25

Geht es hier im Kern um Meinungsfreiheit oder nicht doch eher um Pressefreiheit?

Möglicherweise finden sich die Meinungsbefreier in der Presse nicht wieder?
Bauern wehrt euch oder Glyphosat-Merkel verzehrt euch!
BRD 2017 - Die Merkel-Telenovela

Re: Meinungsfreiheit - Ist unsere Gesellschaft wirklich libe

Beitragvon Resser Marker » Di 18. Jul 2017, 09:53

Nun, zunächst mal fällt mir dazu ein, dass man damit leben muss, Gegenwind zu bekommen, wenn man den Kopf aus dem Fenster hält. Oder anders gesagt: Die Meinung zur Meinung ist auch ein Teil der Meinungsfreiheit. Ganz besonders gilt das, wenn unter dem Deckmäntelchen der eigenen Meinung Tabus gebrochen werden sollen. Sarrazin ist da ein gutes Beispiel, z.B mit seinem Spruch von den Kopftuchmädchen hat er sich nunmal (bewusst?) wegbewegt von jeglicher politischer Korrektheit. Ich finde schon, dass es nicht immer "Ausländer raus" sein muss, auch beim kleinen Rassismus für zwischendurch sollte man dagegenhalten, da greift nämlich der gute alte Spruch, dass die Freiheit des Einzelnen immer dort endet, wo die Freiheit des Anderen beginnt.

Ein weiteres Beispiel ist die AfD. Natürlich gibt es auch bei anderen Parteien Protagonisten, die mit dem einen oder anderen Tabubruch übers Ziel hinaus schiessen, nur gerade bei den Neu-Rechten geschieht das in einer hohen Frequenz und offensichtlich auch systematisch und kalkuliert. Eine ganze Zeit lang hat man sogar von diesen Provokationen und auch von dem dadurch erzeugten Gegenwind profitiert, das große Klagen über den vermeintlichen Mangel an Meinungsfreiheit begann erst, als die Umfragewerte zu sinken begannen.

Den im Nebensatz hier im Forum beklagten angeblichen Mangel an Meinungsfreiheit gibt es imho ebensowenig. Ich kann für mich reklamieren, bis auf ein einziges Mal, als ein z.Z. hier nicht mehr aktiver User eine seiner Widerwärtigkeiten abgelassen hat, noch nie den Meldebutton gedrückt zu haben. Auch sonst wird hier von allen Seiten deftig vom Leder gezogen. Ich bin selber kein Kind von Traurigkeit, die drei großen P (Polemisieren, Provozieren, Polarisieren) hab ich alle Mal drauf und bekomme wegen meinen Ausführungen oft genug verbal was auf die Fresse, was gelegentlich sogar so weit geht, dass sich sich der Eine oder Andere zu Mutmaßungen über mein Privatleben hinreißen läßt. Ich werde allerdings einen Teufel tun und mich in die Mimimi-Ecke verkriechen und genau das kann ich nur jedem empfehlen, der/die eine Meinung und das Bedürfnis hat, diese kund zu tun.
Patriotismus ist die Tugend der Boshaften! (Oscar Wilde)

Re: Meinungsfreiheit - Ist unsere Gesellschaft wirklich libe

Beitragvon ferris_bueller » Di 18. Jul 2017, 19:13

Toller Artikel...

"Berger schildert, durch welchen Shitstorm er sich kämpfen und welche Drohungen er hinnehmen musste."

Der arme Herr Berger. In jeder Lebenslage verfolgt, immer das Opfer. Wie alle, die nur im Austeilen groß sind.

Im Endeffekt geht es nicht um Meinungs- sondern um Kritikfreiheit. Jeder Kübel voll Gülle gegen alles und jeden, den man verabscheut ist recht - bei geringstem Widerstand läuft man heulend zu Mutti.

Re: Meinungsfreiheit - Ist unsere Gesellschaft wirklich libe

Beitragvon Schorsch » Mi 19. Jul 2017, 10:20

Dill habe ihm Hoffnung gemacht, dass sein Umsatz hochschnelle, wenn er mit dem Attribut „Pegida-frei“ werbe...


Deutschland 2017

Mitläufer, Denunzianten und Steineschmeißer hatten immer und überall, auch in finstersten Zeiten, "Meinungsfreiheit". :shock:
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